Soziale Medien

Networking war noch nie so einfach: Ein Klick und die Xing-Freundschaft steht. Bei LinkedIn muss lediglich noch ausgewählt werden, aus welchem Job man sich kennt. Bei Twitter wird einfach gefolgt. Und so wächst und wächst die persönliche Kontaktdatenbank – je mehr, je internationaler, je einflussreicher, desto besser. Weltweite und lokale Social Networks von Facebook bis LinkedIn machen es möglich.

Doch ist das Profil bei den bekannten Big Playern angelegt, die Zahl der Kontakte nach oben getrieben und die Follower-Liste lang und breit gefächert, überrollt uns auch schon die Flut an News, Posts, Kommentaren, Trends, geteilten Inhalten. Und dann ‚muss’ man auch noch selbst aktiv werden oder zumindest teilen, liken, retweeten. So manch einer handelt und filtert das Ganze souverän. Andere sind ganz gut im Ignorieren, Wegklicken und Durchscrollen. Und dann sind da auch noch die, die ihren Abgang mit „Ich lösche mein Profil!“ verkünden. Doch ganz ohne Netzwerken geht es eben auch nicht. Gerade wir als PR-Experten müssen und wollen auf dem Laufenden bleiben und im großen Social-Media-Dschungel mitmischen. Da kommen sie gerade recht, die sogenannten Tribes, geschützte Austauschplattformen für engere Zusammenschlüsse kleinerer Gruppen, exklusive Kreise abseits des Mainstreams, wenn man so will. Dass es bis dato nur das eine große Social Web, die eine große Plattform gegeben hätte, auf denen sich alle User treffen und austauschen, ist ohnehin eine Illusion.

Und wir Menschen neigen nun einmal dazu, uns in geschützten Räumen und abgegrenzten Zirkeln mit gemeinsamen Identifikationsmerkmalen zusammenzufinden und wohler zu fühlen, als im großen, wilden, anonymen Getümmel. Nicht selten, weil das Gefühl der Exklusivität dem Ego schmeichelt.

Von Nett-werk bis Spiceworks Alternativen zu LinkedIn, Facebook & Co.

Taucht man so richtig in seine(n) Beruf(ung) ein, ist auch das passende Netzwerk fernab von Facebook und Co. oder zumindest eine passende Community schnell gefunden.

Ein Beispiel für ein erfolgreiches „Nischen-Netzwerk“ ist Spiceworks. Das „LinkedIn für IT-Professionals“ ist eine weltweite Online-Community für IT-Fachleute. Dort tauschen sie sich über ihre neuesten Ideen und Entwicklungen aus, diskutieren Fragen aus dem Joballtag oder holen sich eine Einschätzung zu einem neuen Produkt, was auch für Hersteller spannend sein kann – quasi eine Spielwiese für Innovationen, zum Aufspüren von Trends und Bedürfnissen. Aber auch hilfreiche Tools für IT-Verantwortliche sind hier zu finden. Ein rund-um-sorglos-Paket also?

So ähnlich funktionieren auch „Frauen-Netzwerke“: lokal wie nett-werk oder die Digital Media Women mit ihren Regionalgruppen oder auch international wie beim Dell Women Entrepreneur Network. Hier tauschen sich Frauen, Unternehmerinnen, Managerinnen und Gründerinnen über Karrierethemen aus, sammeln Ideen, initiieren neue Projekte und pushen sich gegenseitig. Und das nicht nur online, sondern auch bei Meet-ups, Themenabenden, Konferenzen etc. Also auch hier: Ein Rückzug in den geschützten Rahmen.

Bleibt noch zu beachten: Überall dort, wo Menschen sich besonders geschützt und exklusiv fühlen, verhalten sie sich anders als auf einer großen virtuellen Plattform: Sie geben mehr von sich preis, sie entwickeln Vertrauen und damit eine engere Bindung an die Gruppe und einzelne Gleichgesinnte als an die breite Masse. Das erhöht die Glaubwürdigkeit von Empfehlungen, macht es aber zugleich für Firmen schwieriger, solche gezielt zu erwirken.

Also: Augen auf und je nach Ziel der nächsten PR-Kampagne auch einen Blick in die kleinen, die speziellen „Nischen“-Netzwerke werfen. Dort findet sich auch sicher die ein oder andere Influencer-Perle. Denn ein spezielles Publikum organisiert sich auch über alternative Wege im Netz.

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Vor kurzem bin ich auf den englischen Begriff Astroturfing gestoßen und habe erst einmal gestutzt. Nein, hierunter ist kein Astrologieprojekt zu verstehen, sondern eine Form von Propaganda, mit der versucht wird, unterschwellig die öffentliche Meinung zu beeinflussen, indem gezielt eine bestimmte polarisierende Anschauung vervielfältigt und an verschiedenen Stellen veröffentlicht wird. Vor einigen Jahren funktionierte das beispielsweise noch in Form von Leserbriefen, die an lokale Redaktionen geschickt und somit punktuell regional verbreitet wurden. Diese Statements, die strikt eine vorgefertigte Meinung vertreten oder sogar falsche Tatsachen als Fakten verkaufen, gelangen mittlerweile ohne zeitliche Verzögerung oder langwieriges Einreichungsprozedere wie auch ohne Überprüfung ins Internet und können vor allem in Sozialen Medien ganz simpel verbreitet werden.

Jetzt würde man denken, das wäre an sich nicht schlimm, wenn auf manchen Plattformen im Internet eine Meinung vermehrt aufpoppt, aber zwischenzeitlich hat diese Verbreitung eine neue Dimension erreicht: Durch sogenannte Social Bots – also Programme, die in den Sozialen Medien als Akteure fungieren – werden Meinungen oder falsche Tatsachen jetzt in einer Masse verbreitet, wie man es nicht zu träumen gewagt hätte. Mittels vorprogrammierter Algorithmen reagieren die Bots auf bestimmte Schlagworte und geben dann automatisiert unter dem Deckmantel eines gefakten Accounts – gleich einem realen Menschen – ihren einprogrammierten, aber individuell variablen Kommentar ab. Die Masse, in der das Ganze stattfindet, ist das Gefährliche daran. Untersuchungen haben ergeben, dass in der jüngeren Historie viele öffentliche Debatten wie auch der Brexit oder der US-Wahlkampf, wie die CNN berichtete, dadurch enorm beeinflusst wurden.

Natürlich arbeiten die Roboter mit dem Ziel, möglichst große Reichweite, am besten mit viralem Effekt, zu erzielen. Falsche Informationen sind hierbei das wirkungsvollste Instrument, da dadurch schnell Emotionen, positiv wie negativ, provoziert werden. Erst einmal losgetreten, verbreiten sich diese Fake News wie von selbst um ein Vielfaches schneller als fundiert recherchierte und geprüfte Fakten in den traditionellen Medien. Da Otto Normalverbraucher nicht erkennt, ob menschlicher Nutzer oder Maschine in den Sozialen Medien agiert, wäre es umso mehr die Pflicht von Facebook und Twitter, hier als wachsamer Aufpasser einzugreifen, verstößt es doch im Grunde gegen die Nutzungsbedingungen der Sozialen Netzwerke, wenn Roboter sich als menschliche Individuen ausgeben. Weit gefehlt: Facebook hat zwar angekündigt, Fake News in Zukunft kenntlich machen zu wollen, es war aber keine Rede vom Verbot der Social Bots, verdient es sich doch zu gut an dem Marketing-Instrument. Sehr zum Verdruss mancher Politiker, die schon um die nächsten Wahlen fürchten müssen. Durch das sogenannte Astroturfing als politische PR- oder Werbeaktion lässt sich mithilfe der Social Bots leicht das Aufkeimen einer Graswurzelbewegung simulieren, auf die Trittbrettfahrer aufspringen und sie somit gedeihen lassen. Es braucht keinen wortgewandten Demagogen mehr, der das Volk um den Finger wickelt, es reicht ein kleiner programmierter Bot, um das politische Klima zu vergiften.

Vielleicht sieht die Utopie der Zukunft ja so aus, dass all jene mit – wie auch immer geartetem – Profilierungsdrang sich eigene kleine Armeen an Social Bots aufbauen, sodass Bot gegen Bot heiter ihre verbalen Gefechte in den Sozialen Medien austragen. Und die Menschheit kann sich zurücklehnen, wieder ihre innere Ruhe in der Realität finden und zur Raison kommen.

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