Warum Bargeld auch in einer digitalen Zahlungswelt wirtschaftlich sinnvoll bleibt
Von Dr. Wolfram Seidemann, CEO Currency Technology bei Giesecke+Devrient
Die Zukunft des Zahlungsverkehrs entscheidet sich nicht an der Frage, ob Bargeld durch digitale Verfahren ersetzt werden kann. Entscheidend ist, welchen Beitrag unterschiedliche Zahlungsformen für Wirtschaft, Gesellschaft und Resilienz leisten. Gerade in einer zunehmend digitalen Zahlungswelt kommt es darauf an, Zahlungsinfrastrukturen nicht eindimensional zu bewerten, sondern ihren gesamtgesellschaftlichen Nutzen in den Blick zu nehmen.
Die vorliegenden Analysen zeigen, dass das Bargeldsystem in Deutschland einen messbaren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wert erzeugt. Laut Studie liegt dieser Nutzen bei rund 54 Milliarden Euro beziehungsweise etwa 1,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dem stehen Infrastrukturkosten von rund 0,45 Prozent des BIP gegenüber. Der Nutzen übersteigt die damit verbundenen Kosten damit um etwa den Faktor drei. Ein solches Verhältnis wäre bei jeder anderen kritischen Infrastruktur ein starkes Argument dafür, sie gezielt zu erhalten und zukunftsfähig weiterzuentwickeln.
Damit wird auch deutlich: Die Relevanz von Bargeld lässt sich nicht allein an seiner Nutzungshäufigkeit an der Ladenkasse messen. Gesellschaften profitieren nicht nur dann von Bargeld, wenn häufig damit bezahlt wird, sondern auch dadurch, dass ein funktionierendes Bargeldsystem als verlässlicher Bestandteil der Zahlungsinfrastruktur verfügbar bleibt.
Auch die Entwicklung des Bargeldumlaufs spricht dafür, Bargeld nicht vorschnell als Auslaufmodell zu betrachten. Nach Angaben der EZB ist die umlaufende Bargeldmenge in der Eurozone zwischen 2019 und 2024 von rund 1,3 auf mehr als 1,6 Billionen Euro gestiegen. Die Digitalisierung des Bezahlens und ein wachsender Bargeldumlauf sind also kein Widerspruch.
Bargeld erfüllt dabei mehrere Funktionen zugleich. Es stärkt die Resilienz des Zahlungsverkehrs, weil es unabhängig von Strom- und Netzverfügbarkeit nutzbar ist. Es erweitert die Wahlfreiheit von Bürgerinnen, Bürgern und Unternehmen. Und es unterstützt wirtschaftliche und gesellschaftliche Aktivitäten, die auf einfache, unmittelbare und allgemein zugängliche Zahlungsmöglichkeiten angewiesen sind.
Die zunehmende Digitalisierung des Bezahlens ändert an diesem Befund nichts. Digitale und physische Zahlungsformen stehen nicht im Widerspruch, sondern erfüllen unterschiedliche Aufgaben in einem modernen, hybriden Zahlungssystem. Gerade diese Vielfalt macht den Zahlungsverkehr leistungsfähig und widerstandsfähig.
Wer Zahlungsinfrastruktur zukunftsfähig gestalten will, sollte Bargeld daher nicht isoliert nach Nutzungshäufigkeit bewerten, sondern nach seinem Beitrag zu Resilienz, Wahlfreiheit und gesellschaftlichem Nutzen.
Über Giesecke+Devrient
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