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Wäre ich Kulturphilosoph, würde ich an dieser Stelle vielleicht über Gesprächskultur philosophieren. Ich würde mich zum Beispiel darüber auslassen, ob sie in der Ära von Web und Facebook gelitten haben könnte. Und wie viel. Dabei wäre natürlich an Sokrates zu erinnern, den Urvater der Gesprächskultur. Und an Habermas, herrschaftsfreier Diskurs und so Sachen.

Alles viel zu kompliziert. Ich versuche es lieber mit einem Beispiel aus dem wirklichen Leben. Ich greife mitten hinein in ein Kundengespräch:

A: "Wir sind der Ansicht, dass es wichtig ist, die Wiese grün darzustellen, das kommt der Realität am nächsten. Also weitgehend."
B: "Sehr richtig, ich bin genau Ihrer Meinung. Das ist für uns zentral. Auch unsere Kunden erwarten, dass die Wiesen blau sind."
A: "Nun, wir dachten, eher an etwas Grünliches …"
B. "Da sind wir ganz auf einer Linie, ein schönes, sattes Blau. Sonst wirkt eine Wiese ja nicht. Wiesenblau eben." 
A: "Aber … wäre Grün vielleicht nicht doch … mehr optimal?"
B: "Absolut, ich sehe das genauso."

Also, das ist echt nicht die Schuld von Facebook und Konsorten. Oder doch? Wir sollten mal darüber sprechen. 

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Heute morgen hat mich bei Michael Krokers täglichem Blick in die IT-Welt ein Absatz irritiert:

… ist der Microsoft-Anteil aller ans Internet angeschlossenen Geräte zwischen 2009 und 2013 von gut 90 Prozent auf nunmehr unter 25 Prozent abgesackt – eine dramatisch gewachsene Irrelevanz von Microsoft, zumindest in der mobilen Welt der vernetzten Geräte.

In Bildern sieht es sogar noch dramatischer aus:

 

Eine "dramatische" Entwicklung, in der Tat. Aber das eigentliche Drama, das sich hier vor unser aller Augen vollzieht, ist doch, wie wenig Aufmerksamkeit dieser Absturz findet. Sicher, der eine oder andere IT-Blog nimmt es wahr, Fachmedien schon nur noch am Rande. Aber sonst? Hätte man so eine Entwicklung noch vor fünf Jahren halbwegs zuverlässig prognostizieren können, was hätte das für einen Bohey gegeben: Schlagzeilen, Titelstories, Wirtschaftspresse, FAZ, Spiegel, Schwarzwälder Bote, Autobild, Frau im Schatten. Und Anchorman Tom Buhrow hätte in einen ARD-Brennpunkt die Rückkehr von Bill Gates gefordert.

Mittlerweile reicht also ein Absatz in "Kroker's Look@ IT". Und der Hinweis des Kollegen, er hätte darüber auch "schon Mitte des Jahres" geschrieben, macht es nur noch schlimmer.

Sicher, wir alle haben Windows, Word und Excel in allen ihren Versionen so manches Mal verflucht, wir haben uns die Haare gerauft und in die Tischkante gebissen. Trotzdem: was da jetzt abläuft, diese vorsätzliche Missachtung, das geht denn doch zu weit. Es ist doch oft auch schön gewesen.

Zum Beispiel erst gestern wieder mal in der stationären Welt der vernetzten Geräte:

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Die Deutsche Bank muss einen ausgewachsenen PR-Gau verkraften. Martin Sonneborn, ausgerechnet der legendäre Martin Sonneborn, hat die Deutsche Bank interviewt. Wie das ausgegangen ist, das kann man nicht erzählen, das muss man gesehen haben, zum Beispiel bei:

Jetzt ist die Deutsche Bank natürlich stinksauer. Sie wäre von Sonneborn hereingelegt worden. Wie unsportlich. Von Sonneborn darf man sich halt nicht reinlegen lassen. Warum hat am Empfangstresen der Deutschen Bank niemand den Martin-Sonneborn-Alarmknopf gedrückt? 

Die PR kann daraus eines lernen: Dieses Gesicht muss man kennen. Ein Sonneborn-Bild muss an jedem PR-Arbeitsplatz bereitliegen und an jedem Schwarzen Brett aushängen. Ja, schon im Einstellungsgespräch muss spätestens die dritte Frage lauten: "Erkennen Sie den Herrn auf diesem Bild?" Wer hier passen muss, hat in der PR nichts verloren. Falls jemand noch keinen Sonneborn-Steckbrief hat, hier ein Bild zum Ausschneiden:

Quelle: ZDF

Demnächst hier zum Herunterladen: der Martin-Sonneborn-Bildschirmschoner für PR-Experten.

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Etwas mehr als zwei Wochen ist die deutsche Huffington Post nun im Netz. Und mit ihr ein schon im Vorfeld vieldiskutiertes Geschäftsmodell: Die Huffpo hat zwar eine 15-köpfige Redaktion, die ein paar News beispielsweise von dpa oder Spiegel Online übernimmt, darüber hinaus (sollen) die Beiträge vor allem von Bloggern kommen, die dafür aber nicht bezahlt werden. Das ist ungewöhnlich, aber nicht ganz neu, denn gerade der Generation Praktikum dürfte dieses Modell vertraut sein. Neu ist es allenfalls für den hinter der deutschen Huffpo stehenden Burda-Verlag, der bisher eher nicht zu den Protagonisten der Gratis-Kultur im Netz gehört hatte. Wobei die Huffpo das Modell kreativ weiterentwickelt: Die Autoren bekommen nämlich nicht nichts, sondern weniger, denn sie treten sämtliche Rechte an ihren Texten ab (also auch für eine zukünftige Verwertung), dürfen aber im Gegenzug die Haftung ganz behalten. Und sie kriegen natürlich jede Menge Ruhm und Ehre ab, "Reichweite" für ihre eigenen Blogs. Wofür sie vorerst nicht einmal was bezahlen müssen.

Dass dieses Modell bei den Bloggern, die mit an Bord sind, auf begeisterte Zustimmung stößt, versteht sich:

Nachrichten und Informationsgewinn durch „Schreiben darf fast jeder", denn hier liegt doch der echte Mehrwert für die Leserschaft, das Geniale an dem System Huffington Post. Ist das nicht auch ein Stück gelebte Demokratie? Die Vorteile liegen ganz klar auf der Hand - dem Smartphone, Tablet oder iPad. Zeitung wo man möchte, wann man möchte....haben wir nicht alle seit Jahren darauf gewartet?
Volker Müller, Social Media PR Manager - Quelle

Jetzt fragt man sich natürlich, warum dieser Social Media PR Manager darauf seit Jahren wartet und nicht einfach mal die Online-Ausgaben von Spiegel, Zeit, Bild oder SZ aufgerufen hat – ich habe gerüchteweise gehört, es soll hunderte solcher Seiten geben. Antwort: Weil hier das Wesentliche gefehlt hat, der Mehrwert für den Leser, der aber seltsamerweise nicht in einem besonderen Inhalt bestehen soll ("Deutschlands beste Augenärzte"), sondern offenbar darin, wer ihn schreibt: "Fast jeder". Es ist dieses behagliche Gefühl beim Lesen: "So hätt' ich's auch gekonnt." Leider genial. Da kann einem schon der Gaul der Begeisterung durchgehen:

Kinder und Erwachsene, Menschen wie Du und Ich, können jetzt aktiv eine Zeitung mitgestalten … muss man Möglichkeiten, die man vor Jahren nicht hatte, denn wirklich in Geld umrechnen? … Wir leben real, bewegen und kommunizieren online, haben virtuelle Freunde, die wir nie gesehen haben, bestellen Sachen, die wir nicht kennen und nun haben wir auch eine große Online Zeitung! 

So ist sie die Generation H: Sie ist nicht tot, bestellt unbekannte Sachen (wie wäre es mal mit einem Kilo Biberwachs?), lebt von Möglichkeiten, kann nicht rechnen und spart sich dafür das eine oder andere Satzzeichen.  

Damit hat die Huffpo schon angedeutet, wie wir uns die weitere Umsetzung des Modells H vorzustellen haben. Und gleich in der ersten Woche hat sie für einen Moment Einblick in ihre Erfolgsgeheimnisse gewährt. In dem Huffpo-Beitrag "Regeln für Blogs mit Perspektive" hat Andreas Herzog –  "Online Entdecker. Offline Aufklärer. Socialmediaherzog." – uns Normalbloggern erklärt, wie Bloggen auf Level H geht: "Eine saubere Rechtschreibung und ein guter Schreibstil sorgen dafür, dass Leser sich im Blog wohl fühlen (sic!) und mehr als nur die ersten Worte lesen."

Nicht neu, aber trotzdem wahr. Daher passen auch etwas schräge Satzgebilde: "Gerade als Unternehmen dient ein Blog mit seinen Artikeln der Imagebildung." (Ein Blog jetzt auch als GmbH?) Auch Stilblüten muss man nicht scheuen: "Ein Trend, der wiedergibt, was sich viele innerlich schon die ganze Zeit wünschen." Schließlich gehört zu einem H-Blogerlebnis auch ein kreativer Umgang mit Grammatik: mit einem Blog habe man, so Herzog, "langfristigen Einfluss über seine Beiträge".  

So also ist es gemeint: "Kinder und Erwachsene, Menschen wie Du und Ich, können jetzt aktiv eine Zeitung mitgestalten" – Generation H at work. Aber dass Burda dafür kein Geld rausrückt, ist auch klar. 

Meine Lieblingsgrafik aus der ersten Woche der Huffpo passt perfekt zu diesem Konzept; sie gehört in die Rubrik H-Physik und hat bei mir den Titel  "Gas ist auch nur Strom":

Quelle

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Heute Philosophie. Wie so oft kommen die ersten Antworten auf die letzten Fragen über Spiegel Online (SPON) zu uns Irdischen herab – diesmal merkwürdigerweise unter der Rubrik Wissenschaft:

Gott existiert tatsächlich. Ein Computer hat es mit kalter Logik bewiesen - das MacBook des Computerwissenschaftlers Christoph Benzmüller von der Freien Universität Berlin.

Ein MacBook hätten wir zwar auch zur Verfügung, aber wir ersparen es uns trotzdem, die Beweisführung selbst nachzurechnen, weil wir sie, wie so vieles von Crazy-Kurt und Spooky-Chris, ja sowieso nicht verstehen würden. Kant ist damit auch vom Tisch, aber für den kam das MacBook einfach zu spät. Und er hatte keinen Zugang zu SPON. Also kein Vorwurf an ihn. Dass es aber auch ohne dieses umständliche Hin- und Herbeweisen geht, konnte man im Forum zum betreffenden SPON-Artikel lesen: Ein Diskutant verwies in kalter Logik darauf, dass die Existenz des iPhone Beweis genug sei. So etwas Vollkommenes hätte kein Irdischer erschaffen können. Treffer.

Wir sind gespannt auf eine heiße Antwort der Kantianer aus Redmond.

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Gestern, am 1. August, trat das neue Leistungsschutzrecht in Kraft. 

So heiß umkämpft das LSR bei der Verabschiedung war, das Inkrafttreten ging so geräuschlos über die Bühne, dass man sich fragen konnte: war da was? Wer nicht gut aufgepasst hat, hat es verpasst.  

Google darf also seit Donnerstag nicht mehr "Snippets" aus dem Verlags-Content für sein Google-News nutzen, das verbietet nun das LSR. Seitens der Verlage hatte man sich vorgestellt, Google würde ein wenig vom Kuchen abgeben, also Snippets bezahlen. Offenbar denkt Google gar nicht daran. Darf nicht heißt daher jetzt konkret: Google hat die Verlage schriftlich um Erlaubnis gebeten, Snippets kostenlos verwenden zu dürfen. Wer nicht zustimmt, fliegt ganz raus, mit Snippet und Link. Absehbare Folge: Google darf. Bis auf die Rhein-Zeitung aus Koblenz haben alle Verlage, also auch die Vorreiter bei der Durchsetzung des LSR, Googles Ansinnen zugestimmt.

So ergaben sich folgende Unterschiede bei Google-News, am 31.7., also vorher:

und heute, am 2.8., also nachher

Frappierend nicht wahr? Google-News sieht aus wie immer. Bis auf die News aus Koblenz natürlich, die fehlen jetzt. 

Das LSR war irgendwie … wie kann man es schön formulieren? … ein Schuss in den Ofen. Stefan Niggemeier, Blogger und bekennender Gegner des LSR, verweist dauf, dass die Verlage zwar ein "gigantisches PR-Debakel" erzeugt hätten, aber noch lange nicht aufgeben würden. Die Google-News-Einwilligungserklärungen seien alle nur vorläufig, die Verlage würden derweil über Modelle nachdenken, wie sie trotzdem an Google-Kuchen kommen könnten. Bisher scheint ihnen da noch nicht viel eingefallen zu sein, genug Zeit zum Nachdenken wäre eigentlich gewesen. 

Das heißt: Erste Runde an Google, aber: Der Kampf ums Leistungsschutzrecht hat erst begonnen.

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