Generation H

Generation H

Etwas mehr als zwei Wochen ist die deutsche Huffington Post nun im Netz. Und mit ihr ein schon im Vorfeld vieldiskutiertes Geschäftsmodell: Die Huffpo hat zwar eine 15-köpfige Redaktion, die ein paar News beispielsweise von dpa oder Spiegel Online übernimmt, darüber hinaus (sollen) die Beiträge vor allem von Bloggern kommen, die dafür aber nicht bezahlt werden. Das ist ungewöhnlich, aber nicht ganz neu, denn gerade der Generation Praktikum dürfte dieses Modell vertraut sein. Neu ist es allenfalls für den hinter der deutschen Huffpo stehenden Burda-Verlag, der bisher eher nicht zu den Protagonisten der Gratis-Kultur im Netz gehört hatte. Wobei die Huffpo das Modell kreativ weiterentwickelt: Die Autoren bekommen nämlich nicht nichts, sondern weniger, denn sie treten sämtliche Rechte an ihren Texten ab (also auch für eine zukünftige Verwertung), dürfen aber im Gegenzug die Haftung ganz behalten. Und sie kriegen natürlich jede Menge Ruhm und Ehre ab, "Reichweite" für ihre eigenen Blogs. Wofür sie vorerst nicht einmal was bezahlen müssen.

Dass dieses Modell bei den Bloggern, die mit an Bord sind, auf begeisterte Zustimmung stößt, versteht sich:

Nachrichten und Informationsgewinn durch „Schreiben darf fast jeder", denn hier liegt doch der echte Mehrwert für die Leserschaft, das Geniale an dem System Huffington Post. Ist das nicht auch ein Stück gelebte Demokratie? Die Vorteile liegen ganz klar auf der Hand - dem Smartphone, Tablet oder iPad. Zeitung wo man möchte, wann man möchte....haben wir nicht alle seit Jahren darauf gewartet?
Volker Müller, Social Media PR Manager - Quelle

Jetzt fragt man sich natürlich, warum dieser Social Media PR Manager darauf seit Jahren wartet und nicht einfach mal die Online-Ausgaben von Spiegel, Zeit, Bild oder SZ aufgerufen hat – ich habe gerüchteweise gehört, es soll hunderte solcher Seiten geben. Antwort: Weil hier das Wesentliche gefehlt hat, der Mehrwert für den Leser, der aber seltsamerweise nicht in einem besonderen Inhalt bestehen soll ("Deutschlands beste Augenärzte"), sondern offenbar darin, wer ihn schreibt: "Fast jeder". Es ist dieses behagliche Gefühl beim Lesen: "So hätt' ich's auch gekonnt." Leider genial. Da kann einem schon der Gaul der Begeisterung durchgehen:

Kinder und Erwachsene, Menschen wie Du und Ich, können jetzt aktiv eine Zeitung mitgestalten … muss man Möglichkeiten, die man vor Jahren nicht hatte, denn wirklich in Geld umrechnen? … Wir leben real, bewegen und kommunizieren online, haben virtuelle Freunde, die wir nie gesehen haben, bestellen Sachen, die wir nicht kennen und nun haben wir auch eine große Online Zeitung! 

So ist sie die Generation H: Sie ist nicht tot, bestellt unbekannte Sachen (wie wäre es mal mit einem Kilo Biberwachs?), lebt von Möglichkeiten, kann nicht rechnen und spart sich dafür das eine oder andere Satzzeichen.  

Damit hat die Huffpo schon angedeutet, wie wir uns die weitere Umsetzung des Modells H vorzustellen haben. Und gleich in der ersten Woche hat sie für einen Moment Einblick in ihre Erfolgsgeheimnisse gewährt. In dem Huffpo-Beitrag "Regeln für Blogs mit Perspektive" hat Andreas Herzog –  "Online Entdecker. Offline Aufklärer. Socialmediaherzog." – uns Normalbloggern erklärt, wie Bloggen auf Level H geht: "Eine saubere Rechtschreibung und ein guter Schreibstil sorgen dafür, dass Leser sich im Blog wohl fühlen (sic!) und mehr als nur die ersten Worte lesen."

Nicht neu, aber trotzdem wahr. Daher passen auch etwas schräge Satzgebilde: "Gerade als Unternehmen dient ein Blog mit seinen Artikeln der Imagebildung." (Ein Blog jetzt auch als GmbH?) Auch Stilblüten muss man nicht scheuen: "Ein Trend, der wiedergibt, was sich viele innerlich schon die ganze Zeit wünschen." Schließlich gehört zu einem H-Blogerlebnis auch ein kreativer Umgang mit Grammatik: mit einem Blog habe man, so Herzog, "langfristigen Einfluss über seine Beiträge".  

So also ist es gemeint: "Kinder und Erwachsene, Menschen wie Du und Ich, können jetzt aktiv eine Zeitung mitgestalten" – Generation H at work. Aber dass Burda dafür kein Geld rausrückt, ist auch klar. 

Meine Lieblingsgrafik aus der ersten Woche der Huffpo passt perfekt zu diesem Konzept; sie gehört in die Rubrik H-Physik und hat bei mir den Titel  "Gas ist auch nur Strom":

Quelle

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