Fintechs

Heute ist wieder lustiger Freitag, und damit Zeit für eine dieser abgefahrenen, verrückten Geschichten aus der Welt zwischen Web, IT und Sonstiges. Die eingeschworenen Fans unseres Blogs wissen, was nun kommt: Genau! Es geht endlich wieder mal um Wissenschaft.

Heute im Zentrum unserer Aufmerksamkeit: das Thema Fintechs. Wir erinnern uns, das sind diese coolen Start-ups, die wahnsinnig coole Sachen mit Internet und Finanzen machen. Die haben ja vor ein paar Jahren versprochen, dass sie jetzt die Banken aus dem Markt hinausfegen, und wenn man davon in der echten Welt nicht viel merkt, dann liegt das natürlich an den schlappen Kunden – Motto: Tolles Geschäftsmodell, aber die Kunden begreifen es einfach nicht. Aber darum geht's eigentlich gar nicht, was wollten wir? Ach ja: Wissenschaft.

Die Wissenschaft hat nämlich jetzt eine Studie zu Fintechs gemacht.

Mit Smartphone-Apps, Webdiensten, Crowd-Plattformen und Programmierschnittstellen soll die staubige Finanzwelt "disruptiert" werden. Die Bundesregierung sieht offenbar großes Potenzial für den Wirtschaftsstandort Deutschland in diesen Firmen: Einer aktuellen Studie im Auftrag des Finanzministeriums zufolge könnten sie bis 2035 ein Marktvolumen von 148 Milliarden Euro erreichen. Aktuell beliefe sich das noch auf 2 Milliarden Euro.

Quelle: Heise Online

Na, zu viel versprochen? Also wenn das nicht zum Schmunzeln herausfordert, weiß ich's auch nicht. Mutig blickt die Wissenschaft (zwei echte Professoren) in die Zukunft, 20 Jahre voraus bis 2035, sie rechnet und multipliziert, bringt einen echten Faktor in Anschlag ("Hierbei wird der potenziell adressierbare Markt zunächst mit der potenziellen Marktdurchdringung und anschließend zusätzlich mit einem Faktor multipliziert" – ja, ich hab mir die Studie tatsächlich vollumfänglich reingezogen!) und kommt schließlich auf einen exakten Wert: nicht etwas wie "ungefähr 150 Milliarden Euro", wie das vielleicht der Laie meinen würde, sondern richtig genaue, exakte Milliarden.

Da könnte man nun dahinphilosophieren über die Unwägbarkeiten des Konzepts Zukunft; man könnte 20 Jahre zurückdenken und sich ausdenken, auf welche Werte damals wohl so eine Marktprognose für … ja was nehmen wir? …vielleicht für Netscape, den Telefax-Markt oder den der Analogfotografie gekommen wäre; man könnte sogar sagen, kein Mensch wisse, ob's in 20 Jahren überhaupt noch einen Euro gibt; was die Chinesen dazu sagen oder man könnte einfach anführen, dass exakte Prognosen ausgerechnet für eine Branche, die doch selber behauptet, dass alles hyperschnelllebig und total "disruptiv" sei und sie selber sowieso, irgendwie … ach was, geschenkt. Denn nun – Achtung! – nun wird's richtig vollspaßig:

Zum Gutachten aus dem Ministerium ist noch anzumerken, dass die eingangs erwähnten 148 Milliarden Euro Marktvolumen im Jahr 2035 nur das Basisszenario der Prognose bilden. Das optimistische Szenario geht sogar von 847 Milliarden Euro aus, das pessimistische hingegen nur von 5 Milliarden.

Echt wahr. Steht so da, und Heise Online hat nicht geflunkert, es steht so (aufgedröselt nach Fintech-Segmenten) auch in der Studie. Mir haben wieder diese 847 Milliarden gefallen, weil sie so schön konsequent sind: nein, nicht ungefähr 850 sondern genau 847. Wobei, die eine oder andre Kommastelle wäre schon nett gewesen, vor allem bei den doch recht schlichten 5 Milliarden.

Aber der Brummer ist natürlich die Spannweite dieser Prognose: kann 5 sein, kann aber auch 847 sein (ich biete 873!, höre ich 900 …?). Laut Taschenrechner das 169-Fache! Im Klartext: die Damen und Herren aus der Wissenschaft haben keinen blassen Dunst! Aber das, das können sie genau ausmultiplizieren, nennen es Prognose und schreiben eine Studie. Und über das WM-Orakel von Goldfisch Zaki hat man gespottet, aber der hatte natürlich kein vierseitiges Literaturverzeichnis, war also wissenschaftlich voll danebengelegen.

Na, hab ich zu viel versprochen? War das eine abgefahrene Geschichte oder doch? 

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