Uber

Es gibt so Meldungen, da reibt man sich erst mal mit einem verwunderten "Geht's noch?" die Augen:

Amazon erprobt offenbar ein Uber für Logistik: Beim Projekt 'On my way' sollen sich private Fahrer über eine App als Kurier melden können und dann Pakete an die Kunden ausliefern. 
(Heise online vom 17.06.15)

Aber wenn sich die Idee ein wenig gesetzt hat … doch, ja, das könnte gehen.

Die Einwände der ersten Stunde sind jedenfalls wenig stichhaltig: Was ist, wenn ein Paket verloren geht? Wer haftet? Was ist, wenn der Nachbar dann doch keine Lust hat, die Pakete auszuliefern? Was, wenn er sich auf dem Weg das Bein bricht? Ich bin mir sehr sicher, das wird Amazon alles regeln; am besten nach dem beliebten Prinzip "selber schuld", denn Amazon wird sich sicher nicht Tausende von Risiken ans Bein binden. Notfalls gibt es halt eine saftige Vertragsstrafe für jedes gebrochene Bein.

Auch an Interessenten wird es nicht mangeln: Noch mitten in der Erörterung von Für und Wider in meinem geliebten Heise-Forum (nirgends ist man näher an der Stimmung des Publikums) kann es einigen Diskussionsteilnehmern, zum Beispiel dem mit dem lustigen Nick-Namen "Herr_Mal-Ware", nicht schnell genug gehen mit dem Ich-will-auch-mitmachen:

Paket abholen, kleinen Schlenker fahren, parken, klingeln, Paket abgeben. Vermutlich 15 Minuten Aufwand, wenn ich neben Amazon wohne und direkt am Empfängerhaus vorbeikomme und alles glatt läuft. Ich arbeite nicht umsonst, sagen wir: 20 Euro Stundenlohn, Freundschaftspreis. Davon ausgehend, dass ich mich nicht davon ernähren muss (sonst ginge unter 40 Euro bei Selbständigkeit gar nichts): 5 Euro. Plus PKW-Nutzungskosten. Sagen wir großzügig: 5,20 Euro.
(Forum Heise online vom 18.06.15)

Dieser Kandidat musste sich aber von anderen Foristen belehren lassen, er solle bei seiner Kalkulation besser die 5 weglassen und also mit einem Freundschaftspreis von 20 Cent pro Auslieferung rechnen. Sagen wir großzügig: das erscheint tatsächlich realistischer. Wenn alles glatt läuft, aber das tut es bestimmt.

Denn eines ist schon klar: Amazon denkt sich das alles ja nicht aus, damit die Menschen in unseren anonymen Großstädten wieder mehr zusammenkommen ("Grüß Gott, mein Name ist Huber, ich bring' Ihnen das Packerl, wo Sie bestellt haben." "Ui, das ist nett, Herr Huber. Dankschön. Woll'n S' nicht auf eine Tasse Kaffee reinschauen?", "Ja recht gern, ich hab' grad zufällig auch einen Marmorkuchen dabei."); auch wenn wir mit Sicherheit in irgendeinem Forum/Blog bald von diesem kommunikativen Nebeneffekt hören werden. "On my way" ist wie die Amazon-Drohne ein Konzept, um die lästigen Speditions- und Logistikkosten, von denen Amazon nichts hat, zu reduzieren. Hier eben durch Integration von Mitmenschen, die wie Herr Huber sowieso nichts Besseres zu tun haben und die deshalb auch bloß auf den Cent schauen und nicht so auf den Euro.

Aber, und das muss man hier mal sehr kritisch anmerken, diese Innnovation bleibt auf halbem Weg stehen. Sie ist nicht ausgereift, nicht zu Ende gedacht. Transport und Logistik sind teuer, ja, aber doch nur aus dem Grund, weil die Dinge so weit voneinander weg sind: Kunden hier, Sachen da; und alles völlig unstrukturiert dazu. Hier muss man doch ansetzen. Die Lösung des Distanz-Problems kann daher nur sein, dass wir alle bei Amazon einziehen. Dann braucht es weder Drohnen noch Mitbürger, die uns was bringen, weil alle Dinge schon da sind, und wir auch: "On my home". So geht das. 

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