Quo vadis, Internet?

Quo vadis, Internet?

Dass das Internet auch seine „bösen“ Seiten hat, wissen wir nicht erst seit dem NSA-Skandal. Immer wieder werden daher Maßnahmen diskutiert, wie Bürger in Bezug auf den Umgang mit persönlichen Daten sensibilisiert werden, wie der Internetkriminalität Einhalt geboten und der Datenschnüffelei durch (politische) Maßnahmen Grenzen gesetzt werden können.

Doch dass die grundlegenden Wirkungsmechanismen des Internets prinzipiell hinterfragt werden, ist eher selten festzustellen. Einer, der diesen Schritt gegangen ist, ist Jaron Lanier – und Lanier ist eine Persönlichkeit, der Gehör geschenkt wird. Schließlich ist er nicht nur eine der schillerndsten Figuren des Silicon Valley, sondern nebenbei auch einer der Mitentwickler des Internets. Im Zusammenhang mit seinem neuen Buch „Wem gehört die Zukunft“ (Hoffmann & Campe) sprach er mit der ZEIT (Ausgabe 8/14) und äußerte unbequeme, futuristische und in jedem Fall interessante Ansichten. Drei Beispiele, die es aufzugreifen lohnt:

  • „Das größte Problem für unsere Gesellschaft sind nicht die Daten selbst, das größte Problem sind die Arbeitsplätze, die durch die technische Revolution wegrationalisiert werden.“ Lanier argumentiert, dass wir durch 3D-Drucker und die Hochtechnisierung in den Betrieben in ein Zeitalter der Hyperarbeitslosigkeit eintreten. Er zieht dabei einen interessanten Unternehmensvergleich: Kodak bot einst über 100.000 Menschen Arbeit, Instagram hatte bei der Übernahme durch Facebook 13 Angestellte. Gleiches passiere in der Musikindustrie, im Journalismus und auf dem Buchmarkt. Lanier konstatiert: „So, wie sich die Digitalisierung bisher entwickelt hat, zerstört sie die Mittelschicht unserer Gesellschaft.“
     
  • „Niemand profitiert wirklich davon, dass im Netz Inhalte leichter und länger zugänglich sind. Daraus müssen wir jetzt lernen.“ Lanier plädiert für ein weltweites Mikrobezahlsystem, von dem jeder Nutzer profitiert, der Content liefert – und nicht nur Facebook, Google, Twitter & Co. Er illustriert dies anhand der Übersetzungsfunktion von Google: Google suche bei einer Anfrage im gesamten Netz nach ähnlichen Sätzen und baut so eine neue Übersetzung zusammen. Dies basiert also auf der Arbeit anderer Personen. Diese müssten dafür Geld bekommen. Doch wer profitiert? Ausschließlich Google.
     
  • Fatal ist Laniers Aussicht für Demokratien in Zeiten des Internets. Lanier: „Sie können komplett ausgehöhlt werden.“ Der Informatiker beschreibt die Entwicklung im Wahlkampf in den USA. Dort nutzen die großen Parteien umfassende Datenanalysen, um den einzelnen Wähler mit der perfekt zugeschnittenen Botschaft direkt anzusprechen. Er spricht von einem Wettbewerb von riesigen Computern und nicht mehr zwischen Ideen, Kandidaten oder Programmen. Zudem argumentiert Lanier mit Blick auf das Beispiel Ägypten, Social Media verfestigten das Ungleichgewicht in der Welt. „Im selben Moment, indem ein Revolutionär über die Revolution twittert, nutzen die Geheimdienste die Daten, um gegen die Revolution vorzugehen. Und dieses Verhältnis zieht sich durch das ganze Netz, im militärischen wie im ökonomischen Bereich finden wir dieselbe Logik.“

Laniers Ansichten sind radikal und sicher gilt: Wenn es um die Vermarktung eines Buches geht, werden manche Gedankengänge bewusst zugespitzt und provokant formuliert, um Aufmerksamkeit zu generieren. Man kann ihm Naivität vorwerfen – oder wie bitte soll ein weltweites Mikrobezahlsystem organisiert werden? Oder die Ignoranz von Tatsachen, die seiner Argumentation entgegenstehen – ohne Soziale Medien wäre der Umschwung in Ägypten vielleicht gar nicht erst möglich gewesen, was immer die Geschichte auch für die Zukunft des Landes vorsieht. Mit Sicherheit jedoch sind seine Ansätze im Grundsatz intelligent, in Teilen revolutionär und in jedem Falle nachdenkenswert. Angesichts der (zunehmenden) Bedeutung des Internets für unser aller Leben, lohnt es sich jedenfalls, Dinge auch prinzipiell in Frage zu stellen und den Status Quo nicht einfach fraglos hinzunehmen. Oder kurz gefasst: Wir brauchen mehr Jaron Lanier!