Internet

Und täglich grüßt das Murmeltier: Seit mehr als zehn Jahren schon weist die EU-Kommission immer wieder darauf hin, wie essenziell die Versorgung der Bevölkerung mit Breitbandanschlüssen ist. Zwölf Jahre später hat sich an der Dringlichkeit nichts geändert – zumindest nicht in Deutschland. Die digitale Kluft hat sich in den letzten Jahren eher weiter geöffnet: Auf der einen Seite gibt es ausreichend versorgte städtische Gebiete und auf der anderen Seite in vielen ländlichen Gebieten ein Internet im Schneckentempo. Daran haben auch die vielen Millionen Euro aus verschiedenen Geldtöpfen zur Breitbandförderung nichts geändert. Wäre es anders, müsste sich die neue Bundesregierung nicht weiterhin mit dem Thema Breitbandausbau befassen.

In der Vergangenheit bereits haben diverse Einzelmaßnahmen nicht immer zum Ziel geführt. Der Bund wollte in der letzten Legislaturperiode vier Milliarden Euro für den Breitbandausbau beisteuern. Einige Kommunen aber verzichteten darauf mit dem Hinweis auf die „nicht akzeptablen Anforderungen“ und beklagten die zahlreichen Anpassungen am Regelwerk. So hieß es etwa im letzten Jahr, dass die Förderrichtlinie drei Mal und der Leitfaden zur Umsetzung fünf Mal geändert wurde. Kein Wunder, dass viele lieber abwarten. Ob jetzt alles besser wird? Im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD steht, dass man die Breitbandförderung aus einem Fond speisen will, der mit Mitteln aus der Versteigerung von 5G-Mobilfunkfrequenzen nach dem Motto „von der rechten Tasche in die linke Tasche“ gefüllt werden soll. Eine nachhaltige Förderung der Breitbandversorgung sieht anders aus.

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Wer in den letzten Wochen die Mediennachrichten ein wenig verfolgt hat, wird sich vielleicht auch gefragt haben: Hatten wir das nicht schon mal? Doch! Und nun ist es wieder in aller Munde, dieses zähe Wort „L-e-i-s-t-u-n-g-s-s-c-h-u-t-z-r-e-c-h-t“, oder einfach nur LSR.

Vor drei Jahren schwirrte der Begriff schon einmal durch die deutsche Medienlandschaft. Um was es dabei ging, ist schnell zusammengefasst: Der deutsche Gesetzgeber wollte die Online-Erzeugnisse von Verlagen schützen, indem er Suchmaschinen dazu verdonnert, für Textvorschauen auf Verlagsinhalte – sogenannte „Snippets“ – zu bezahlen. Die Sinnhaftigkeit des Vorhabens wurde schon zum Zeitpunkt der Verabschiedung des Gesetzes angezweifelt, mein Kollege Rainer Doh hat dazu auch einen sehr erhellenden Beitrag auf unserem Blog geschrieben.

Mittlerweile ist klar, dass das LSR in Deutschland kolossal gescheitert ist. Google, denn um den Internet-Giganten ging es in erster Linie, hatte schon vor Inkrafttreten des Gesetzes mit den meisten Verlagen eine Übereinkunft getroffen, dass Kurzvorschauen auf Artikel und Nachrichten auch weiterhin kostenlos auf Google News gelistet werden dürfen. Bis heute hat das Unternehmen nicht einen Cent an die Verlage abgeführt. Auch Gerichtsprozesse zur Durchsetzung des LSR, angestrebt von Verlegerseite, blieben bisher eher erfolglos.

Wie sinnvoll ist es also, ein Gesetz, das schon auf Länderebene an die Wand gefahren ist, auch EU-weit durchzuboxen (sogar noch in verschärfter Form)? In den Augen des baldigen Ex-EU-Digital-Kommissars Günther Oettinger ist das mehr als sinnvoll, ja es ist sogar eine unabdingbare Notwendigkeit. In einem kürzlichen Vorstoß plädierte er im Schulterschluss mit dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) und mit einer selten gesehenen Vehemenz für ein EU-LSR. Berechtigte Einwände wischt er konsequent weg. Selbst die Kritik vieler Online-Redaktionen (darunter Zeit Online, Spiegel Online und weitere große Namen), die argumentieren, dass ein Großteil der Leser über Google zu ihren Inhalten findet, ficht ihn nicht an. Für Oettinger ist die Sache klar:

Die Zahlen von Zeitungen, die kennen Verleger. Und Chefredakteure eingeschränkt. Also ich wüsste jetzt nicht einen Chefredakteur, der Einnahmen/Ausgaben jeden Tag misst. Das ist nicht sein Job. Sein Job ist der Content.“ (Quelle: Deutschlandfunk vom 22.10.2016)

Dass gerade die Chefs von Online-Plattformen ihre Zahlen ganz genau kennen sollten, um die Inhalte entsprechend darauf abzustimmen, das scheint dem Kommissar zu entgehen. Wir dürfen gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht, zumal der Posten des EU-Kommissars für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft demnächst neu vergeben wird. Oettinger übernimmt dann das Ressort Finanzplanung und Haushalt – ein Bereich, für den dem Schwaben ausnahmsweise niemand die Kompetenz abspricht.

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1990 war schon ein ganz schön aufregendes Jahr – auch in meiner Heimat Österreich. Unter anderem stirbt Altbundeskanzler Kreisky 79-jährig, die Fußball-Nationalmannschaft verliert legendär mit 0:1 gegen die Fußball-Großmacht Färöer-Inseln und Rainhard Fendrich veröffentlicht die inzwischen (zu Recht) als inoffizielle Bundeshymne gehandelte Single „I am from Austria“.

Und: Heimlich, still und leise wurde anno 1990 das Internet in Österreich eingeführt, nachdem man bereits fünf Jahre E-Mail (an einigen Hochschulen) nutzen konnte. Am 10. August wurde die Universität Wien als erster Knoten im Land an das World Wide Web angeschlossen. Und obwohl es noch ein paar Jahre dauern sollte, bis sich das Internet flächendeckend durchsetzte, waren sich die österreichischen „Geburtshelfer“ bereits in einem Bericht zum Projekt, der gerade mal einen Monat nach Inbetriebnahme des WWW-Knotens in Wien erschienen ist, der Tragweite dieser Innovation – zumindest ansatzweise – bewusst:

"Die enorme Bedeutung dieser neugeschaffenen Kommunikationsmöglichkeiten, die gegenüber den bisherigen, im wesentlichen auf Electronic Mail und Filetransfer beschränkten Netzdiensten ganz entscheidend erweitert wurden, für die österreichische Wissenschaft kann nicht hoch genug eingeschätzt werden."

Ob Wissenschaft oder gleich die ganze Gesellschaft: Fakt ist, dass das Internet auch aus Österreich nicht mehr wegzudenken ist. Wer sich für die Geschichte der ersten zehn Jahre des WWW in rot-weiß-rot interessiert, dem sei folgender Aufsatz auf der Website der Uni Wien ans Herz gelegt: „10 Jahre Internet in Österreich“ von Peter Rastl.

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Das Internet hat in den letzten zwanzig Jahren zu einem massiven Produktivitätsschub bei der Büroarbeit beigetragen – heißt es. Ursächlich dafür seien unter anderem die höhere Rechenleistung der Endgeräte, mit denen gearbeitet wird, oder auch die Möglichkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Um diese Behauptung zu überprüfen, hilft ein einfacher Faktencheck.

Früher saß ein Angestellter am Schreibtisch und schrieb mit der Textverarbeitung (Wordstar, Wordperfect oder Word) einen Geschäftsbrief an den Lieferanten A mit einer Reklamation und anschließend eine neue Bestellung an den Lieferanten B. In der gleichen Zeit beginnt er heute seinen Arbeitstag damit, dass er seine E-Mails – die geschäftlichen und die privaten – checkt, einige Kommentare in Facebook schreibt und schnell noch zwei, drei Twitter-Tweets postet. Nach der ersten Korrespondenz führte der Angestellte früher mehrere Gespräche mit Kollegen, holte sich einen Kaffee und erfuhr in der Kaffeeküche den neuesten Stand zu einigen Ausschreibungen. Im Internetzeitalter guckt der Mitarbeiter in dieser Zeit die neuesten von Freunden empfohlenen YouTube-Videos. In der alten Welt ist es Montagmorgen und jetzt ist Zeit, um mit Kollegen die neuesten Ergebnisse der Fußball-Bundesliga zu diskutieren. Das Internet bietet dazu heute eine unendliche Fülle an Analysen und Heatmaps. Ein wunderbarer Use Case übrigens für Big Data.

Für Ablenkung am Arbeitsplatz, mit der Folge einer sinkenden Produktivität, war also immer schon gesorgt. Das Wort dafür heißt Prokrastination. Der Begriff stammt angeblich aus dem 16. Jahrhundert als das lateinische Verb „procrastinare“ Eingang ins Englische fand. Woher ich das weiß? Ich habe es während meiner Arbeitszeit gegoogelt und etwas dazugelernt. Siehe beispielsweise: http://campus.nzz.ch/studium/morgen-ist-ein-tag-zu-spaet oder http://hauptstadt.tumblr.com/post/242870141/prokrastination-substantiv-f-singularetantum. Anders gefragt: Kann das Internet die Produktivität fördern? Ja, wenn es als Werkzeug richtig eingesetzt wird.

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Es gibt Meldungen, die glaubt man zunächst gar nicht. Deshalb hatte ich mich zuerst verlesen: Regierung will ungern Datenverkehr im Internet besteuern …

Wie bitte? Wieso ungern? Steht das etwa schon zur Debatte? Habe ich etwa eine gesellschaftliche Diskussion verpasst? Dann habe ich meine Brille geschrubbt:

Die Regierung in Ungarn will den Datenverkehr im Internet besteuern. Je Gigabyte sollen rund 50 Cent an den Staat abgeführt werden.

Ich finde: Das ist eine überzeugende Antwort auf gleich mehrere Herausforderungen des digitalen Zeitalters. Auf Cloud Computing zum Beispiel – in Ungarn ist das künftig kein Problem mehr. Dieses Fotos-und-Musik-Rauf-und-Runterladen, muss das überhaupt sein? Und wenn doch: Für jeden gestreamten HD-Film (da sind schnell mal ein paar GB beisammen) kann ein Kinderkrippenplatz eingerichtet werden. Oder Bandbreite ausgebaut werden. Um mehr HD-Filme zu streamen, mit denen dann wieder mehr Bandbreite …  

Von Ungarn lernen heißt, reich werden lernen. Ich übergebe das Wort einem FAZ-Leser, der die Meldung zur Internetsteuer so kommentiert:

Ungarn wirbt mit dem niedrigen Pauschalsteuersatz von 16% auch um Ausländer. Bratislava wurde damit zu einer der reichsten Städte der EU, vor Berlin und Wien.

Finde den Fehler. Gewinne ein Gigabyte. Noch unversteuert.

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In einem Blog aus dem März dieses Jahres beschäftigte ich mich mit Jaron Lanier – eine der bekanntesten und schillerndsten Figuren des Silicon Valley. Mit seinen mutigen, teilweise ungewöhnlichen Thesen sorgt er immer wieder für Aufsehen in der Netzgemeinde – und mittlerweile auch darüber hinaus.

Lanier greift Themen auf, die von gesamtgesellschaftlicher Relevanz sind, und legt immer den Finger in die Wunde, wenn bei aller Begeisterung über innovationsbringende Technologiesprünge die negativen Konsequenzen in Vergessenheit geraten. Dabei ist er kein Technologiefeind – im Gegenteil: Lanier ist unter anderem auch für Microsoft tätig. Aber er spricht auch die negativen Konsequenzen mancher technologischer Entwicklungen an und versucht, konstruktive Lösungen zu finden. Dass diese Töne zunehmend auf fruchtbaren Boden in der deutschen Debattenkultur treffen, zeigt sich immer mehr.

Am Wochenende wurde Lanier nun mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Laut Jury weise er „auf die Gefahren hin, die unserer offenen Gesellschaft drohen, wenn ihr die Macht der Gestaltung entzogen wird“. Die Tatsache, dass gerade Lanier eine der wichtigsten kulturellen Auszeichnungen in Deutschland entgegennehmen darf, ist dabei wohl mehr als ein Symbol für die wachsende kritische Auseinandersetzung mit den Konsequenzen des Internetzeitalters.

Dies ändert jedoch nichts daran, dass der technologische Fortschritt und die Möglichkeiten des Internets unterm Strich großartig sind. Auch das würde er unterschreiben.

Herzlichen Glückwunsch, Jaron Lanier!

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Seit einigen Monaten arbeite ich verstärkt vom Home Office aus. In meinem Fall bedeutete dies: raus aus der Großstadt, ab aufs Land. Hier bekommt das Thema digitale Infrastruktur eine ganz andere Bedeutung, da viele Gemeinden nach wie vor im digitalen Dunkeldeutschland sitzen. Plötzlich wird die digitale Anbindung zur Standortfrage: denn ohne Internet ist es unmöglich, meinem Beruf nachzugehen. Die digitale Realität ist somit längst im Alltag angekommen. Sicherlich betrifft dies auch viele tausend Handwerker und Mittelständler, die in ganz Deutschland verteilt ihrem Job in mehr oder minder digital angebundenen Kommunen nachgehen.

Und Deutschland verliert weiter: Denn leider hinken wir in der flächendeckenden Abdeckung moderner Hochgeschwindigkeitsnetze anderen Ländern hinterher: Dies zeigt der State-of-the-Internet-Report des Cloud-Service-Anbieters Akamai regelmäßig. Im ersten Quartal 2014 rutschte Deutschland bei den durchschnittlichen Geschwindigkeiten im internationalen Vergleich von Platz 21 auf 26 ab.

Umso wichtiger ist der Beschluss des Bundeskabinetts zur „Digitalen Agenda 2014-2017“, der jetzt vorgelegt wurde und die Leitsätze für die nächsten Jahre diktiert: 1. Stärkere Erschließung des Innovationspotenzials unseres Landes für weiteres Wachstum und Beschäftigung, 2. Die Unterstützung beim Aufbau flächendeckender Hochgeschwindigkeitsnetze und die Förderung digitaler Medienkompetenz (...), 3. Die Verbesserung der Sicherheit und den Schutz der IT-Systeme und Dienste (...).

Aber wie realistisch ist eine flächendeckende Umsetzung? Die Politik muss sich letztlich daran messen lassen. Denn längst hängt das Wohl unserer Gesellschaft an einer möglichst raschen Umsetzung. Wir brauchen dringend Lösungen. Sicherlich ist das Thema nicht trivial, da viele Partikularinteressen involviert sind und oftmals ein Geschäftsmodell für gewinnorientierte Unternehmen gerade in ländlichen Gebieten nicht realisierbar ist. Aber gerade in einem solchen Fall muss der Staat in die Bresche springen und falls nötig für die entsprechenden Anschub-Investitionen sorgen. Denn längst zählt das Internet zur kritischen Infrastruktur. Und übrigens, es müssen nicht immer die kolportierten 50 Megabit pro Sekunde sein: Viele Firmen wären bereits froh, in akzeptabler Geschwindigkeit und ohne Verbindungs-Schwankungen im Netz unterwegs sein zu können. Und das jetzt, und nicht erst in Jahrzehnten!

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Seit ihrer Gründung 1998 stand die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN), die für die Vergabe und Koordination internationaler Top-Level-Domains wie .com, .biz oder .mobi zuständig ist, unter der Aufsicht des US-Handelsministeriums.

Mehrfach wurde bereits eine Neuregelung der Verantwortlichkeit gefordert, etwa im Jahr 2012 von Russland und China. Oder vor Kurzem auch von der EU-Kommission. Jetzt endlich kommt auch die US-Regierung dieser Forderung nach. Das gab das US-Handelsministerium am Freitag bekannt. Die Aufsicht soll künftig in die Hände der „Global Multistakeholder Community“ gegeben werden. Ein Schritt in die richtige Richtung. Denn einzusehen ist es nicht, dass gerade die USA in Zeiten des NSA-Skandals die Oberaufsicht über die Internet-Verwaltung ICANN führen. Vielleicht ist das auch ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass die USA nicht gänzlich resistent gegen internationalen Druck sind.

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Dass das Internet auch seine „bösen“ Seiten hat, wissen wir nicht erst seit dem NSA-Skandal. Immer wieder werden daher Maßnahmen diskutiert, wie Bürger in Bezug auf den Umgang mit persönlichen Daten sensibilisiert werden, wie der Internetkriminalität Einhalt geboten und der Datenschnüffelei durch (politische) Maßnahmen Grenzen gesetzt werden können.

Doch dass die grundlegenden Wirkungsmechanismen des Internets prinzipiell hinterfragt werden, ist eher selten festzustellen. Einer, der diesen Schritt gegangen ist, ist Jaron Lanier – und Lanier ist eine Persönlichkeit, der Gehör geschenkt wird. Schließlich ist er nicht nur eine der schillerndsten Figuren des Silicon Valley, sondern nebenbei auch einer der Mitentwickler des Internets. Im Zusammenhang mit seinem neuen Buch „Wem gehört die Zukunft“ (Hoffmann & Campe) sprach er mit der ZEIT (Ausgabe 8/14) und äußerte unbequeme, futuristische und in jedem Fall interessante Ansichten. Drei Beispiele, die es aufzugreifen lohnt:

  • „Das größte Problem für unsere Gesellschaft sind nicht die Daten selbst, das größte Problem sind die Arbeitsplätze, die durch die technische Revolution wegrationalisiert werden.“ Lanier argumentiert, dass wir durch 3D-Drucker und die Hochtechnisierung in den Betrieben in ein Zeitalter der Hyperarbeitslosigkeit eintreten. Er zieht dabei einen interessanten Unternehmensvergleich: Kodak bot einst über 100.000 Menschen Arbeit, Instagram hatte bei der Übernahme durch Facebook 13 Angestellte. Gleiches passiere in der Musikindustrie, im Journalismus und auf dem Buchmarkt. Lanier konstatiert: „So, wie sich die Digitalisierung bisher entwickelt hat, zerstört sie die Mittelschicht unserer Gesellschaft.“
     
  • „Niemand profitiert wirklich davon, dass im Netz Inhalte leichter und länger zugänglich sind. Daraus müssen wir jetzt lernen.“ Lanier plädiert für ein weltweites Mikrobezahlsystem, von dem jeder Nutzer profitiert, der Content liefert – und nicht nur Facebook, Google, Twitter & Co. Er illustriert dies anhand der Übersetzungsfunktion von Google: Google suche bei einer Anfrage im gesamten Netz nach ähnlichen Sätzen und baut so eine neue Übersetzung zusammen. Dies basiert also auf der Arbeit anderer Personen. Diese müssten dafür Geld bekommen. Doch wer profitiert? Ausschließlich Google.
     
  • Fatal ist Laniers Aussicht für Demokratien in Zeiten des Internets. Lanier: „Sie können komplett ausgehöhlt werden.“ Der Informatiker beschreibt die Entwicklung im Wahlkampf in den USA. Dort nutzen die großen Parteien umfassende Datenanalysen, um den einzelnen Wähler mit der perfekt zugeschnittenen Botschaft direkt anzusprechen. Er spricht von einem Wettbewerb von riesigen Computern und nicht mehr zwischen Ideen, Kandidaten oder Programmen. Zudem argumentiert Lanier mit Blick auf das Beispiel Ägypten, Social Media verfestigten das Ungleichgewicht in der Welt. „Im selben Moment, indem ein Revolutionär über die Revolution twittert, nutzen die Geheimdienste die Daten, um gegen die Revolution vorzugehen. Und dieses Verhältnis zieht sich durch das ganze Netz, im militärischen wie im ökonomischen Bereich finden wir dieselbe Logik.“

Laniers Ansichten sind radikal und sicher gilt: Wenn es um die Vermarktung eines Buches geht, werden manche Gedankengänge bewusst zugespitzt und provokant formuliert, um Aufmerksamkeit zu generieren. Man kann ihm Naivität vorwerfen – oder wie bitte soll ein weltweites Mikrobezahlsystem organisiert werden? Oder die Ignoranz von Tatsachen, die seiner Argumentation entgegenstehen – ohne Soziale Medien wäre der Umschwung in Ägypten vielleicht gar nicht erst möglich gewesen, was immer die Geschichte auch für die Zukunft des Landes vorsieht. Mit Sicherheit jedoch sind seine Ansätze im Grundsatz intelligent, in Teilen revolutionär und in jedem Falle nachdenkenswert. Angesichts der (zunehmenden) Bedeutung des Internets für unser aller Leben, lohnt es sich jedenfalls, Dinge auch prinzipiell in Frage zu stellen und den Status Quo nicht einfach fraglos hinzunehmen. Oder kurz gefasst: Wir brauchen mehr Jaron Lanier!

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In ihrem Beitrag „Mind the Gap“ der aktuellen Ausgabe des Manager Magazin (3/2014, Seite 82 ff.) wird Eva Müller zum Thema „Digitale Infrastruktur“ deutlich und fasst ernüchternd zusammen:

Verglichen mit Asien ist Deutschlands Internet so schlecht und rückständig, dass es allmählich zu einer echten Gefahr für den Standort wird.

Sie bezieht sich dabei auch auf Zahlen des „State of the Internet“ Report zum dritten Quartal 2013 unseres Kunden Akamai.

Auch wir haben in einem Video-Statement vor ein paar Wochen ähnlich resümiert:

Liebe Frau Müller, danke für diese klaren Worte. Wir sehen das genauso.

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